Die radikale Normalität des Friedens:Gewaltfreiheit der Wayfarer
Die radikale Normalität des Friedens:Gewaltfreiheit der Wayfarer
In der Science-Fiction gibt es oft Momente, in denen die Hauptfiguren zu Gewalt greifen, „weil sie keine andere Wahl hatten“. Piraten entern das Schiff, ein Crewmitglied wird entführt, außerirdische Bestien greifen an, man gerät an ein hartes Imperium oder eine Bande von Banditen… die Liste ist endlos. Aber am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus: Lasst die Laser glühen! Was leider auch bedeutet: Es gibt Tote. Aber „wir hatten ja keine Wahl“.
Gängige Tropes scheinen zu suggerieren, dass Gewalt in abenteuerlichen Welten nicht bloß eine Option ist, sondern die einzige realistische Überlebensstrategie.
Aber ist sie das?
In ihrer preisgekrönten Bestseller-Serie Wayfarer – allen voran im ersten Band Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten – wagt Becky Chambers eine leise, radikale Unterwanderung des Genres. Sie nimmt genau jene Szenarien, die das täglich Brot der klassischen Space Opera ausmachen, und beweist uns, dass es einen anderen Weg gibt. Einen Weg, der menschlicher und, man höre und staune, sogar viel realistischer ist als der altbekannte. Becky serviert uns eine ganze Parade der beliebtesten Bedrohungsszenarien der Sci-Fi und lässt ihre Charaktere dann jedes einzelne Mal einen Ausweg finden, ganz ohne Waffen.

Superkräfte
Dabei ist zu beachten: Beckys Charaktere sind ganz normale Leute, genau wie du und ich. Sie sind Büroangestellte, Pilotinnen oder Köche. Sie sind intelligent, nett und auf ihre Art besonders – genau wie du und ich. Sie sind keine Superheldinnen; sie sind weder schneller noch stärker oder mächtiger als alle anderen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie nicht mit einer Hand drei Piraten und mit der anderen fünf Wachen gleichzeitig verprügeln, wie es andere fiktive Helden so gerne tun.
Diese ganz normalen Leute können nicht super-kämpfen. Aber sie können weglaufen, sich verstecken, verhandeln, sich Tricks ausdenken oder später wiederkommen. Was für ein genialer Ansatz! Und dazu braucht es nicht einmal ein Blutvergießen.
Verhandlungen
Stattdessen braucht es zum Beispiel technische Kniffe oder die Einrichtung von Schutzräumen. Und manchmal braucht es sogar eine menschliche Verbindung zu genau der Person, die gerade die Waffe auf mich richtet. Selbst diese Leute haben, wie Becky uns zeigt, eine Vorgeschichte und Motive, und sogar legitime Bedürfnisse, wie zum Beispiel den Wunsch, ihr Leben zu leben. Sie gehen die Sache zwar völlig falsch an – nämlich gewalttätig und brutal – aber wir müssen trotzdem mit ihnen reden, um uns aus der Situation herauszureden. Nur wenn wir eine gemeinsame Basis mit den Bösewichten finden, können wir Brücken bauen, über die wir uns dann davon machen.
Einem rigiden, autoritären Imperium können wir vielleicht entkommen, wenn wir eine Basis im Gesetz finden – weil selbst die brutalen Apparatschiks dieses Regimes eben wirklich an Ordnung und Vorschrift glauben. Die Piratencrew hingegen, die absolut nicht an Ordnung und Vorschrift glaubt, hat dafür aber vielleicht ihren ganz eigenen Sinn für Ausgewogenheit. Wenn wir nett bitten, lassen sie uns vielleicht noch gerade so viel Vorräte übrig, dass wir es bis zum nächsten Hafen zu schaffen.

Albträume
Die gewaltfreien Lösungen der Wayfarer funktionieren, in dem Sinne, dass am Ende alle noch am Leben sind, und das ist immerhin das Wichtigste. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles gut ist. Schäden am Schiff oder verlorene Ausstattung – ja, darum muss man sich kümmern. Aber es gibt noch ein anderes Erbe, das viel schwerer wiegt: Die inneren Wunden. Wenn jemand eine Waffe auf mich richtet, ist das kein cooles Abenteuer, sondern ein traumatisches Erlebnis. So etwas zu überstehen, macht mich nicht zur stoischen Actionheldin, sondern zu einem Menschen, der Zeit braucht, um zu heilen.
Die Figuren in Beckys Romanen tragen auf sehr realistische Weise psychische Wunden davon. Nicht alle sind betroffen, und nicht alle auf die gleiche Weise. Die selbe Person kann einmal völlig ruhig bleiben, und ein ander Mal schwer traumatisiert werden. Schlaflosigkeit und Albträume folgen, oder vielleicht Unruhe oder Panikattacken. Wir reagieren alle auf unsere eigene Art und Weise, und wir alle brauchen Zeit und Aufmerksamkeit, um etwas so Komplexes und Fragiles wie die menschliche Psyche wieder zu heilen.

Bodhisattvas
Auch in dieser Hinsicht sind Beckys Charaktere also genau so wie du und ich: Sie kriegen Angst, und sie sind verletzlich.
Außerdem stellt sich heraus, dass sie weder Jesus noch Buddha sind und auch sonst keine umwerfenden Heiligen. Sie haben keinen dramatischen Schwur der Gewaltfreiheit abgelegt, schon gar keinen, der Gewaltfreiheit wie etwas ganz Extremes oder nahezu Unerreichbares erscheinen lässt. Nein, Leute nicht niederzuschlagen ist in Beckys Romanen keine Berufung für Auserwählte. Alle können das (und in der Tat tun wir es in der realen Welt fast alle, fast immer).
Ich persönlich fände es großartig, mehr Geschichten mit Bodhisattva-Charakteren zu haben und ich glaube, dass das der Welt wirklich gut täte. Nichtsdestotrotz ist auch die Darstellung des absolut Gewöhnlichen an Gewaltfreiheit ein wunderbarer Beitrag, den Becky Chambers hier für uns alle geleistet hat.
Wenn wir uns die reale Welt anschauen, dann wirkt Beckys „radikaler“ Pazifismus eher wie gesunder Menschenverstand. Unsere Newsfeeds mögen uns mit Bildern von Kriegen überfluten, doch die Realität ist, dass die große Mehrheit der Länder sich gerade nicht im Krieg befindet. Trotz unklarer Grenzen, Handelskonflikten oder diplomatischen Spannungen schaffen es die meisten Staaten, miteinander zu co-existieren, ohne jemanden zu bombardieren.
Auch als Individuen schaffen wir es meistens, selbst mit ungeliebten Nächsten weiterzuleben. Da ist der Mensch mit der lauten Musik, der mit den Büromachtspielchen und der mit den blöden Witzen bei Familienfeiern: und auch wenn wir streiten, seufzen oder mit den Augen rollen – gewalttätig werden wir denn doch nicht.
Beckys Romane erinnern uns daran, wie gut wir bereits in gewaltfreier Konfliktlösung sind. Indem sie die erfundene „Notwendigkeit“ von Gewalt in der Phantastik auflöst, hält sie uns einen Spiegel vor. Sie zeigt uns, wie oft normale Menschlichkeit ausreicht, um uns sowohl den Weg zu den Sternen im Sinne der höchsten Ideale zu weisen, als auch den Weg zu uns selbst.

P.S. Empfehlungen
Ich kann Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten nur wärmstens empfehlen – ein großartiges Beispiel dafür, wie man klassische Gewalt-Tropes auf den Kopf stellt.
Ebenso empfehle ich den dritten Band der Wayfarer-Reihe, Unter uns die Nacht, als ein fantastisches Beispiel für einen utopischen Roman.
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