Gewaltverherrlichung?
Die Phantastik ist voller Kampf, oft sogar voller Krieg und Mord.
Doch wo wird die reine Darstellung von Gewalt zu einer Verherrlichung, die wir definitiv nicht wollen?
Wo verlaufen die Grenzen, und wie können wir dieser Gefahr entkommen?
Vielleicht lohnt sich hier ein kritischer Blick auf Tropes und Konventionen. Es könnte ja sein, dass wir uns an manches so sehr gewöhnt haben, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Sobald es uns aber bewusst wird, können wir die Phantastik gut weiterentwickeln, wie wir es bei anderen Themen auch schon getan haben. Stereotypen zu Hautfarben und Geschlechterrollen etwa wurden schon in vielen Werken erfolgreich gekippt, und auch zum Umgang mit Gewalt könnten wir Neues erfinden, das mindestens so spannende Geschichten ergibt wie zuvor.
Nicht-sexualisierte Gewalt
Inspiration dazu könnte unter anderem aus den schon bisher geführten Themen-Debatten kommen. Zu sexualisierter Gewalt etwa gibt es tiefe Analysen, die auch subtile Ebenen feinfühlig betrachten. Vieles davon ließe sich wunderbar auf Gewalt im Allgemeinen umlegen.

Sichtbares Leiden
Dabei kommt es immer auf die Feinheiten des jeweiligen Kontexts an. Dass Schmerz und Leid der Betroffenen dargestellt wird, zum Beispiel, bietet per se noch keinen Schutz vor Gewaltverherrlichung. In der realen Kriegspropaganda unserer Welt etwa ist die weinende Mutter am Grab des Soldaten voll integriert. Das gehört zum Mythos dazu und stärkt ihn bloß noch.
Oder: Wenn ein Roman in einer Vergewaltigungsszene die Schreie und Schmerzen des Opfers ausgiebig beschreibt, dann macht das Szene womöglich nur noch intensiver. Dass die Leiden der Betroffenen dargestellt werden, sagt also noch nichts darüber aus, ob eine Szene Gewalt verherrlicht oder nicht.

Eh nur die Bösen
Auch, wenn Gewaltakte “nur von den Bösen” begangen werden, kommt es sehr auf den Zusammenhang an. Vielleicht kommt Brutalität dann tatsächlich als unattraktiv rüber, vielleicht aber wird auch nur die subtile Faszination der “Bösen” ausgespielt, die dann letztlich doch besonders anziehend wirken.
Eh nur die Guten
Und wenn Gewaltakte “eh nur von den Guten”, also für die gute Sache begangen werden? Das ist natürlich in der realen Welt die häufigste Rechtfertigung von Gewalt. Vom einzelnen Mörder bis zur kriegsführenden Nation habe alle das Argument, dass sie provoziert wurden, sich nur verteidigen, in der Vergangenheit selbst misshandelt wurden und/oder ein so wichtiges und gerechtes Anliegen verfolgen, dass jedes Mittel recht ist.
Meines Erachtens treffen die meisten dieser Gründe tatsächlich meistens zu; fast alle zum Beispiel wurden in der Vergangenheit misshandelt, und fast alle sind verletzt. Ob den alten Wunden nun neue Brutalitäten folgen sollen, oder ob es bessere Wege vorwärts gibt, ist eine andere Frage.
Die Phantastik lässt uns jedenfalls allen Spielraum, um zu zeigen, wie es auch einmal anders weitergehen könnte. (ein gutes Beispiel dazu hier)

Fragen und Fingerzeige
dazu, ob ein Werk Gewalt verherrlicht oder verharmlost
Probier’s gleich mal aus, mit deinem letzten Buch oder Film!
– Sind die Hauptfiguren selbst gewalttätig? Falls ja: Werden sie dadurch für die Lesenden interessanter?
– Ernten die Charaktere innerhalb des Buches durch ihre Gewalttaten Ruhm, Ehre, hohe Positionen, Freundschaften oder Liebesbeziehungen? Oder werden sie von anderen wegen ihrer Gewalttaten hinterfragt oder verurteilt? Zeigen sie selbst Gewissensbisse und Reue?
– Wird Gewalt als Kitzel eingesetzt, der die Lesenden bei der Stange hält?
– Wie kommen Charaktere weg, die Gewalt ablehnen und nicht einsetzen? Gibt es die überhaupt?

– Funktioniert Gewalt im Roman als Problemlösung?
Funktioniert gewaltfreies Vorgehen als Problemlösung?
Wie viele gewaltfreie Ansätze kommen überhaupt vor?
– Fühlen die Gewaltakte sich gerechtfertigt oder befriedigend an?
– Wird Gewalt als eine Art Sport, Spiel oder lustiger Wettbewerb dargestellt? Als Mutprobe, oder Teil des Erwachsenwerdens?
– Schwillt die Musik an? (im Film, oder gefühlt im Buch)
PS. Für menschenähnliche Wesen
wie Orks, Zombies oder Aliens gelten sinnvollerweise die gleichen Gedanken wie für Menschen, sagt im Übrigen auch die deutsche Rechtslage. Diese könnte man auch als die unterste Latte sehen, über die unser Verständnis gern hinauswachsen darf (aber jedenfalls nicht darunter hinabsinken).
Wer mehr zur Rechtslage wissen möchte s. Wikipedia Artikel zu Gewaltdarstellung
Empfehlungen
Ein wunderbares Beispiel dafür, wie gängige Tropes der Science Fiction aufgerufen und dann umgedreht werden können, liefert Becky Chambers’ Roman Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten.
Als poetische, sinnliche Fantasy kann ich natürlich auch meinen eigenen Roman Schatten aus Sternenlicht anbieten.
Beide Bücher haben eine Wohlfühl-Atmosphäre sowie Charaktere, die auch auf andere Acht geben.

Und: Lasst uns darüber reden! Tritt gern mit mir in Kontakt
und/oder abonniere hier meinen newsletter:
Menschenfreundliche Krimis: Restorative Justice und ihre Folgen
November 2, 2025
Fantasy: menschenfreundlich, utopisch, visionär?
November 1, 2025



